Schönheit und Zweckmäßigkeit

Abb. 1: Tagpfauenauge. Ist das "Auge" nur durch seinen Nutzen zu erklären, wo doch viele Schmetterlinge viel schlichter und einfacher gefärbt sind?

Der aufmerksame Beobachter der Natur ist nicht nur von der Zweckmäßigkeit der Lebensstrukturen, sondern auch von der Schönheit vieler Arten beeindruckt. Nach der Evolutionstheorie muss Schönheit wie alle Lebensphänomene unter dem Aspekt des Überlebens gesehen werden. Schon Darwin versuchte, durch sexuelle Selektion die Schönheit vieler Tiere und Pflanzen zu erklären. Jedoch führen diese Überlegungen - abgesehen davon, dass sie im makroevolutionären Bereich auf mancherlei Spekulationen beruhen - kaum zu befriedigenden Ergebnissen, denn die Natur scheint weitaus schöner zu sein, als es das Überleben erfordert.

Betrachten wir beispielsweise die Schönheit der Edelfalter wie Tagpfauenauge (Abb. 1), Distelfalter, Admiral oder Kleiner Fuchs. Die meisten Schmetterlinge sind Admiralweit weniger farbenprächtig und weisen viel einfachere Flügelmusterungen auf - existieren aber oft in größerer Zahl! Welche Selektionswirkungen können diese herrlichen Formen und Farben in so vielfältiger Weise und scheinbar unerschöpflicher Zahl hervorbringen? Ähnlich wie bei den komplexen Bestäubungsmechanismen drängt sich auch hier die Frage auf, weshalb es nicht nur einfache, unscheinbare, dadurch auch besser getarnte (!) Formen gibt. Dieselbe Frage stellt sich bei der Vielfalt und Schönheit der Vogelgefieder (man denke etwa an das Pfauenrad), Formen und Farben von Gehäusen von Schnecken und Muscheln, die z.T. ausgerechnet in der Tiefsee eine besondere Farbenpracht entwickelt, die wohl niemanden beeindruckt außer den Wissenschaftler, der in diese geheimnisvollen Tiefen eindringt. Begegnen wir wieder einem Design-Signal?


Abb. 2: Die Pfauenfeder

Nun ist "Schönheit" kein objektiv erfassbares Merkmal eines Lebewesens, doch wir erfassen Schönheit intuitiv. Ein Meister seines Fachs, der Zoologe und Anatom Adolf Portmann, widmet sich diesem Aspekt des Lebens am Ende seines Lehrbuchs über Morphologie der Wirbeltiere und spricht von einer Selbstdarstellung der Lebewesen und einer Prägnanz der äußeren Erscheinung, die ihm als Biologen beim Studium der Tiere entgegentreten. "Diese Prägnanz der äußeren Erscheinung ist eines der großen Probleme in der Biologie" (Portmann 1976, S. 314). Als besonders eindrückliches Beispiel führt er den Gesang von Singvögeln an, die "vor ihrer Geschlechtsreife im leisen Jugendgesang ihren vollendetsten, reichsten Gesang produzieren, der im Herbstgesang wieder in gleicher Vollendung zu hören ist. Die viel lauteren, auffälligeren Äußerungen der Fortpflanzungszeit erreichen den Reichtum dieses Artgesangs nicht: Der vom Standpunkt der Erhaltung 'funktionslose' Gesang ist der formal reichste. Er ist reine Selbstdarstellung, deren Bedeutung und Ausmaß verkannt wird, solange man nur Erhaltungsleistungen beachtet" (S. 315). Aufgrund solcher Beobachtungen, die in großer Zahl gemacht werden können, stellt Portmann fest: "Eine 'funktionelle Morphologie', die den Nachweis der lebenserhaltenden Leistungen erstrebt, kann nur einen Teil der lebendigen Gestalt unserem Verständnis erschließen".

Die Schönheit der Lebewesen scheint sich hartnäckig gegen eine Erklärung unter einem bloßen evolutionären Nützlichkeitsaspekt zu sperren. Wir sehen darin ein weiteres Beispiel für ein Design-Signal - vielleicht das beeindruckendste überhaupt.

Aus: Evolution - Ein kritisches Lehrbuch von R. Junker, S. Scherer, S. 305

Interessante Links über Tagpfauenauge:
http://www.boga.ruhr-uni-bochum.de/html/Bienen/Tagpfauenauge.html
http://butterfly.botgarden.uni-tuebingen.de/tagfalter/o-z/tagpfauge.html
http://www.tiere-im-garten.de/tagpfauenauge.htm

Bildquellen:

Abb. 1: Herkunft unbekannt (Internet)
Abb. 2: Herkunft unbekannt (Internet)